November 5, 2001, Monday

SECTION: Wissenschaft, Pg. 64

LENGTH: 631 words

Wer denkt, braucht viele graue Zellen:
Intelligenz haengt auch von der Gehirnmasse ab, und die ist erblich.

BYLINE: VON JOCHEN PAULUS

Manche Idee ist so schlicht, dass sie ueber die Jahrhunderte immer wieder auftaucht, obwohl alle klugen Leute sie verlachen. Intelligenz soll von der Groesse des Gehirns abhaengen? Haha, dann waere ja das Ross schlauer als der Reiter. Und dass Menschen mit mehr Gehirnmasse die Helleren seien, glaubt ebenfalls keiner, der sich etwas auf seinen Intellekt zugute haelt. Am Ende behauptet noch jemand, mit der Menge an grauen Zellen werde auch die Intelligenz von einer Generation zur naechsten weitergegeben - wo doch die Erblichkeit intellektueller Faehigkeiten an sich schon eine Zumutung fuer jeden fortschrittlichen Paedagogen ist. Doch - was soll man sagen? Derlei Theorien haben durchaus etwas fuer sich. Das belegt ein 13koepfiges internationales Forscherteam in der demnaechst erscheinenden Dezember-Ausgabe des angesehenen Fachblatts "Nature Neuroscience" (Vol. 4, No. 12).

Die Wissenschaftler vermassen mit Hilfe der Magnetresonanz-Tomographie die Gehirne von vierzig Zwillingen (was in der Branche in Anbetracht der aufwendigen Methode als stolze Zahl gilt). Das Team hatte es besonders auf die sogenannte graue Masse der Grosshirnrinde abgesehen. Die heisst so, weil ihre Zellen nicht mit einer weissen Isolierschicht versehen sind. Irgendwo in der grauen Masse wird hoechstwahrscheinlich die Denkarbeit erledigt.

Die Forscher liessen sich vom Computer auf bunten Bildern zeigen, in welchen Bereichen die Gehirne eineiiger Zwillinge einander staerker aehneln als die zweieiiger Zwillinge. So wollten sie zunaechst einmal herausbekommen, welche Bereiche ihre Groesse den Genen verdanken. Tatsaechlich leuchtete auf den Bildern an der Hirnoberflaeche ein breites Band auf, in dessen Areal die eineiigen Zwillingspaare praktisch ueberall dieselbe Menge an grauer Masse haben. Zu diesem Areal gehoeren diejenigen Bereiche, die wichtig fuer die Verarbeitung von Wahrnehmungen sind, sowie die nach den Hirnforschungspionieren Broca und Wernicke benannten Sprachzentren. Besonders stark aehneln sich die Wernicke-Gebiete auf der linken Seite - die bei den meisten Menschen fuer die Sprache zustaendig ist.

Auch die Menge der grauen Masse im Vorderhirn erwies sich als stark genetisch bestimmt. Das Vorderhirn aber steht im dringenden Verdacht, etwas mit abstraktem Denken zu tun zu haben. Es wird aktiv, wenn Versuchspersonen schwierige Denkaufgaben loesen. Bei Menschen ist es groesser als bei Affen und anderen Saeugetieren.

Schon in frueheren Untersuchungen zeigte sich, dass das Vorderhirn mit der Intelligenz zusammenhaengt. Bei ausgesprochen intelligenten Menschen ist es besonders aktiv, wie sich am Energieverbrauch zeigt, der sich mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) sichtbar machen laesst. Als Mass fuer die Intelligenz diente bei diesen Versuchen der in der Psychologie vielverwendete (und umstrittene) g-Faktor, ein Verwandter des Intelligenzquotienten, der etwas aehnliches wie "allgemeine Intelligenz" widerspiegeln soll.

Diesen g-Faktor mass das Team bei seinen untersuchten Zwillingen, und wieder fand sich ein Zusammenhang: Je groesser die graue Masse im Vorderhirn, desto mehr g. Etwa zwanzig Prozent der gemessenen Intelligenzunterschiede gingen auf die Groesse des Vorderhirns zurueck.

Allerdings ist das Vorderhirn nicht allein fuer die geistigen Faehigkeiten verantwortlich. Andere Hirnbereiche spielen ebenfalls eine Rolle. Darum haengt tatsaechlich auch das gesamte Hirnvolumen mit der Intelligenz zusammen, wie mit groeberen Methoden arbeitende Untersuchungen in den vergangenen Jahren nahelegen.

Intelligenz wird vermutlich von angeborenen Hirnstrukturen mitbestimmt. Gleichwohl, sie laesst sich trainieren. Mit anderen Worten: Morgen, am Montag, wird trotzdem in die Schule gegangen.

LOAD-DATE: November 5, 2001