November 13, 2001

SECTION: Feuilleton, Pg. 48

LENGTH: 557 words

SERIES: Natur und Wissenschaft

Natur und Wissenschaft:
Vererbte Klugheit

BYLINE: SUSANNE KAISER

In jeder menschlichen Zelle liegt der Bauplan fuer das gesamte Individuum. Er bestimmt zum Beispiel, welches Geschlecht wir haben und ob unsere Haut hell oder dunkel ist. Doch wieviel Einfluss haben die Gene auf die Entwicklung des menschlichen Gehirns? Um dieser Frage nachzugehen, untersuchten amerikanische und finnische Wissenschaftler die Gehirnstruktur von Menschen mit einem identischen genetischen Code - von eineiigen Zwillingen. Als Vergleichsgruppe dienten zweieiige Zwillinge, die nur die Haelfte ihrer Gene gemeinsam haben. Als dritte Testgruppe dienten Menschen, die keinerlei verwandtschaftliche Beziehung zueinander hatten. Wie Paul Thompson von der University of California in Los Angeles zusammen mit den anderen Forschern im Dezemberheft der Zeitschrift "Nature Neuroscience" berichtet, ist die Uebereinstimmung im Bereich des Grosshirns um so groesser, je enger die verwandtschaftliche Beziehung ist. Dabei zeigte sich auch ein enger Zusammenhang zwischen Grauer Substanz und kognitiven Faehigkeiten. Die Zwillingspaare, die an der Studie teilgenommen haben, stammten alle aus einer bestimmten Region in Finnland und waren ungefaehr im gleichen Alter. Jedem eineiigen Zwillingspaar wurde ein zweieiiges zugeordnet, wobei Faktoren wie Geschlecht, Rechts- oder Linkshaendigkeit und auch die gesellschaftliche Stellung beruecksichtigt wurden. Zunaechst hat man bei den Probanden einen ausfuehrlichen Intelligenztest vorgenommen, der Aussagen ueber das Kurzzeitgedaechtnis, das mathematische und sprachliche Verstaendnis, die Reaktionsgeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit ermoeglicht. Ausserdem gewannen die Forscher dreidimensionale Bilder des arbeitenden Gehirns und legten anatomische und funktionale Landkarten der Grosshirnrinde an. Weitere Untersuchungen galten dem Volumen der Grauen Substanz sowie der Dichte und Verteilung der Neuronen.

Die farbigen Reliefbilder des Gehirns waren bei den eineiigen Zwillingspaaren praktisch identisch. Bei den zweieiigen Zwillingen zeigten sich Uebereinstimmungen vor allem in der "Area nach Wernicke" auf der linken Gehirnhemisphaere. Dieser Teil des Sprachzentrums ist wichtig fuer die Interpretation der Sprache und fuer die Formulierung von Gedanken. Weitere Teile der Grosshirnrinde, die offenbar stark den genetischen Einfluessen unterliegen, sind - ebenfalls auf der linken Hemisphaere - die Area nach Broca, die einen weiteren Teil des Sprachzentrums bildet, und zahlreiche Strukturen in den Frontallappen beider Geirnhaelften.

Die Erkenntnis, dass die Gene einen so grossen Einfluss auf die Entwicklung der Frontallappen haben, ist vor allem in der Erforschung von degenerativen Gehirnerkrankungen in diesem Bereich wichtig. Bei Schizophrenie und bestimmten Formen der Demenz sind krankhafte Veraenderungen in ebendiesen Gehirnarealen typisch. Manche dieser Erkrankungen treten familiaer gehaeuft auf. In Familien, in denen die Schizophrenie als Erbkrankheit vorkommt, wurden die spezifischen Veraenderungen im Bereich der Frontallappen auch bei klinisch gesunden Familienmitgliedern gefunden. Der Defekt allein reicht also offenbar nicht aus, die Krankheit zum Ausbruch zu bringen. Das Zusammenspiel zwischen Erbanlagen und Umweltfaktoren wird daher auch in Zukunft zu den grossen Forschungsfeldern der Neurowissenschaften zaehlen.

LOAD-DATE: November 14, 2001